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23.03.2006: Es gibt auch Super-Papis

"Waschen, putzen, trösten - und manchmal von früher träumen"

Heute der alleinerziehende Witwer Rudi (38) aus Dormagen
Von Seitens der Redaktion haben wir erfahren, dass Rudi in der Klinik Sonnenalm auf Kur war.

Von KERSTIN HEUSER und PETER MÜLLER
2,7 Millionen Frauen in Deutschland erziehen ihre Kinder allein, aber auch rund 700 000 Männer. In dieser Serie hat BILD fünf Frauen vorgestellt, die dieses schwierige Leben meistern. Heute wollen wir einen Familienvater vorstellen, der seine Frau verlor - und nun den beiden Söhnen die Mutter ersetzen muß. Nur die Musik umarmt ihn - abends, wenn die Kinder schon längst schlafen. Wenn er den Haushalt erledigt und noch ein paar Minuten für sich hat, bevor er todmüde ins Bett fällt. Bei "Depeche Mode" und irischer Volksmusik fangen seine Gedanken dann an, auf Reisen zu gehen. Zurück in eine Zeit, in der alles anders war. Sie nicht zu dritt, sondern zu viert in dem kleinen gemieteten Häuschen in Dormagen bei Köln lebten. Eine Zeit, die am 20. März vergangenen Jahres endete.

An diesem Tag starb Heike B. (40) an einer schweren Rippenfell-Entzündung. Seitdem muß ihr Mann Rudi (38) allein für die Söhne Kevin (14) und Justin (9) sorgen. Für sie kochen, waschen, bei den Hausaufgaben helfen, sie trösten und wieder aufrichten - obwohl er selbst vor Trauer und Müdigkeit nicht weiß, woher er die Kraft dafür nehmen soll.

Sein Alltag: Um fünf Uhr früh klingelt der Wecker. Als erstes geht der Witwer mit Mischlingshündin "Mora" Gassi, macht dann den Jungs Frühstück. "Um 6.20 Uhr muß ich los. Ich arbeite in einer Behindertenwerkstatt, fahre pro Strecke 55 Kilometer", sagt Rudi und schält Sohn Justin nebenbei eine Mohrrübe.

Nach der Arbeit holt er Justin aus dem Kinderhort. Kevin geht in eine Ganztagsschule. Gegen 18 Uhr sind sie meist wieder zu Hause. "Dann schmeiße ich die Waschmaschine an, kontrolliere die Hausaufgaben, putze, sauge Staub und mache uns Abendessen. Vor Mitternacht bin ich nie im Bett." Volles Programm, nur am Wochenende ist mal eine Stunde Schlaf mehr drin.

Manchmal verzweifelt Rudi an dem Druck, unter den er sich selber setzt: "Bei mir muß immer alles 150prozentig sein. Den Jungs soll es an nichts fehlen." Er stutzt, der Satz klingt ja merkwürdig genug. "Natürlich weiß ich, daß ihnen ihre Mutter fehlt." Ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau ist er schließlich zusammengebrochen: "Ich hatte ein richtiges Burnout-Syndrom, war froh, daß die Krankenkasse uns in den Herbstferien eine Kur ermöglicht hat."

Drei Wochen mit den Jungs ins Allgäu. Endlich mal nur ausruhen, sich an einen gedeckten Tisch setzen, mit anderen Menschen reden. Einen Urlaub hätte er sich nicht leisten können. "Meine Frau hat als Verkäuferin rund 1000 Euro dazu verdient - die fehlen uns jetzt." Miete, Fahrtkosten, Strom, Telefon - am Ende des Monats bleibt nicht viel. "Heike hat mehr als 20 Jahre lang gearbeitet. Wissen Sie, was ich als Witwer jetzt an Rente bekomme? 123 Euro - und die muß ich auch noch versteuern", sagt Rudi und lacht bitter. Daß er überhaupt Geld bekommt, dafür haben seine Verwandten gesorgt. "Die ganzen Formulare für die Rentenanträge hat mein Schwager ausgefüllt. Wenn jemand plötzlich stirbt, erwartet der Staat, daß man sich selbst kümmert.

Sonst bekommt man nämlich gar nichts", hat Rudi festgestellt. "Aber einfach funktionieren - genau das kann man doch in so einer Situation überhaupt nicht." Einfach wieder in ein normales Leben einsteigen, das fällt dem Vater auch nach fast einem Jahr noch schwer. Da tut ein Lob so gut. "Ich finde, du machst das super, Papa", hat Kevin neulich gesagt und seinen Vater einen Augenblick ganz fest in den Arm genommen. Es war das schönste Kompliment seit langem.
ENDE

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Finanzen:
Einkommen:
2420 Euro/Monat
(2000 Euro Gehalt, 80 Euro Witwerrente, 340 Euro Halbwaisenrente)

Ausgaben:
1847 Euro/Monat
(715 Euro Miete, 265 Euro Strom & Heizung, 70 Euro Telefon & Internet, 320 Euro Benzin, 85 Euro Kinderhort Justin, 47 Euro Essensgeld Justin, 35 Euro Essensgeld Kevin, 310 Euro Versicherungen)

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Übrig:
573 Euro/Monat


Das sollten Verwitwete wissen:
Und plötzlich bist du allein - mit Kindern, Sorgen und der Trauer. Schicksal Witwer. Hilfe bekommen vor allem junge Betroffene von dem Verein "www.verwitwet.de" Was müssen plötzlich Verwitwete wissen? Rechtsanwältin Doris Overlack-Kosel (49) aus Mönchengladbach: "Je früher Witwen- und Waisenrente beantragt wird, desto schneller kommt das Geld. Hilfe beim Ausfüllen der Formulare gibt es u. a. bei den Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung. Hinterbliebene sollten zudem alle Versicherungsverträge prüfen, um zu klären, daß ein Leistungsanspruch weiterhin besteht. Außerdem: Renten werden neuerdings versteuert. Das muß nicht sein. Prüfen Sie mit Hilfe eines Anwalts, ob sie gegen den Steuerbescheid vorsorglich Rechtsmittel einlegen, bis diese Frage in Musterklagen geklärt ist."

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FOTO: Peter Müller, Glöckner, Imago, AP03.03.2006

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